Alle Beiträge
Materialien 7 Min. Lesezeit 7. Mai 2026

PEEK vs. PPSU: Das richtige Hochleistungsmaterial

PEEK und PPSU gehören zu den leistungsfähigsten Materialien im industriellen 3D-Druck – doch welches passt besser zu Ihrer Anwendung? Wir vergleichen Temperaturbeständigkeit, chemische Resistenz und mechanische Eigenschaften beider Hochleistungskunststoffe. So treffen Sie die richtige Materialwahl für Ihr nächstes Bauteil.

PEEK vs. PPSU: Das richtige Hochleistungsmaterial

Zwei Materialien, eine Entscheidung – und die hat Konsequenzen. PEEK und PPSU gehören beide zur Oberliga der technischen Kunststoffe, und beide werden im industriellen 3D-Druck regelmäßig für anspruchsvolle Bauteile eingesetzt. Trotzdem sind sie keine austauschbaren Alternativen. Wer das falsche Material wählt, zahlt entweder zu viel oder bekommt ein Bauteil, das unter Betriebsbedingungen versagt.

Die Frage ist nicht, welches Material "besser" ist. Die Frage ist, welches für Ihre spezifische Anwendung das richtige ist. Dafür müssen Sie die Unterschiede kennen – nicht in Marketingprosa, sondern in Zahlen und Praxisbezug.

Was folgt, ist eine direkte Gegenüberstellung beider Werkstoffe auf Basis von Verarbeitungserfahrungen und Materialdaten, die im Alltag tatsächlich eine Rolle spielen.


Thermische Belastbarkeit: Wo die entscheidenden Grenzen liegen

PEEK hat eine Dauergebrauchstemperatur von rund 250 °C und einen Schmelzpunkt bei etwa 343 °C. Im FDM-Druck wird das Material bei Düsentemperaturen zwischen 380 und 420 °C verarbeitet – das erfordert speziell ausgerüstete Hochtemperaturdrucker mit geheiztem Bauraum. Der Vorteil ist klar: Bauteile, die kontinuierlich bei 200 °C oder kurzzeitig deutlich darüber betrieben werden, sind eine Domäne von PEEK.

PPSU (Polyphenylsulfon) kommt auf eine Dauergebrauchstemperatur von etwa 180 °C, kurzzeitig bis ca. 220 °C. Das ist für viele Anwendungen vollkommen ausreichend – Sterilisierzyklen in der Medizintechnik, Heißwasserführung, Motorraum-Anbauteile im nicht-kritischen Bereich. Verarbeitet wird PPSU bei 340–360 °C Düsentemperatur, was gegenüber PEEK etwas entspannter, aber immer noch anspruchsvoll ist.

Kurzübersicht thermische Kennwerte:

EigenschaftPEEKPPSU
Dauergebrauchstemp.~250 °C~180 °C
HDT (Wärmeformbeständigkeit)160 °C (unverstärkt) / 300 °C (CF)~174 °C
Drucktemperatur (FDM)380–420 °C340–360 °C
Schmelzpunkt343 °Camorph, kein definierter Schmelzpunkt

Was viele unterschätzen: PEEK ist teilkristallin, PPSU amorph. Das hat Konsequenzen für Maßhaltigkeit und Eigenspannungen im Bauteil – dazu gleich mehr.


Mechanische Eigenschaften: Steifigkeit contra Zähigkeit

PEEK ist steifer und fester. Zugfestigkeit im Bereich von 100 MPa (gedruckt, unverstärkt), E-Modul bei ca. 3.600 MPa – das sind Werte, die strukturelle Anforderungen erfüllen. Mit Carbonfaser-Füllung (CF-PEEK) klettern Steifigkeit und Festigkeit nochmals deutlich, bei entsprechendem Abfall der Zähigkeit.

PPSU ist zäher. Die Kerbschlagzähigkeit ist erheblich höher als bei PEEK. Das Material gibt nach, bevor es bricht. Für Bauteile mit Clip-Mechanismen, Schnappverbindungen oder dynamischer Biegebelastung ist das ein echter Vorteil. Zugfestigkeit liegt gedruckt bei etwa 60–70 MPa – solide, aber eben nicht auf PEEK-Niveau.

In unserer Erfahrung wird PPSU in der Medizintechnik und im Prototypenbau oft unterschätzt. Für Halterungen, Gehäuseteile oder Instrumente, die autoklaviert werden müssen (134 °C, Sattdampf), ist PPSU häufig die pragmatischere Wahl – günstiger zu drucken, leichter zu verarbeiten, hinreichend fest.


Chemische Beständigkeit: PEEK dominiert, PPSU hat Lücken

Hier gibt es einen klaren Gewinner. PEEK ist chemisch außergewöhnlich resistent – gegen Öle, Kraftstoffe, Hydraulikflüssigkeiten, viele Säuren und Laugen sowie gegen Strahlungsbelastung. In der Öl- und Gasindustrie, in der Luft- und Raumfahrt und überall dort, wo aggressive Medien im Spiel sind, ist PEEK die Standardwahl unter den Hochleistungskunststoffen.

Illustration to: PEEK vs. PPSU: Das richtige Hochleistungsmaterial

PPSU ist chemisch deutlich empfindlicher. Ketone, bestimmte chlorierte Lösemittel und konzentrierte Säuren greifen das Material an. Für medizinische Sterilisationsprozesse mit gängigen Desinfektionsmitteln ist PPSU geeignet – aber prüfen Sie die chemische Kompatibilität für Ihre spezifischen Medien immer konkret, nicht pauschal.

Ein häufiger Fehler in der Praxis: Ein Bauteil wird für Reinraumanwendungen aus PPSU gedruckt, dann aber mit einem Reinigungsmittel auf Ketonbasis behandelt. Das Material überlebt das nicht unbeschädigt. Solche Detailfragen klären Sie am besten vor der Bestellung – nicht danach.


Verarbeitung und Maßhaltigkeit im 3D-Druck

PEEK ist das anspruchsvollere Material in der Verarbeitung. Der Bauraum muss auf 120 °C oder mehr geheizt sein, um Verzug durch die hohe Kristallisationsschrumpfung zu minimieren. Geometrien mit großen Querschnitten, scharfen Ecken oder dünnen Wandbereichen sind kritisch. Ohne durchdachten Prozess entstehen Eigenspannungen, die zu Delaminierung oder Verzug führen.

PPSU verhält sich prozessual gutmütiger. Als amorphes Material schrumpft es weniger anisotrop, die Druckfenster sind breiter, und die Fehlerquote bei komplexen Geometrien ist geringer. Für Teile mit Hinterschneidungen, kleinen Features oder dünnen Wandstärken unter 1,5 mm ist das ein relevanter Vorteil.

Was bedeutet das für Sie?

  • Einfache Geometrien, hohe Temperatur- oder Chemikalienanforderungen → PEEK
  • Komplexe Geometrien, mittlere thermische Anforderungen, Biokompatibilität → PPSU
  • Prototypen oder Kleinserie mit Autoklavierbarkeit → PPSU oft kosteneffizienter
  • Strukturbauteile in der Luft- und Raumfahrt oder Ölgas → PEEK, oft CF-verstärkt

Kosten und Verfügbarkeit: Ein oft ignorierter Faktor

PEEK-Filament liegt im Einkauf bei hochwertigen Materialien im Bereich von 300–600 € pro Kilogramm, je nach Hersteller und Füllung. PPSU ist günstiger – etwa 150–300 €/kg. Bei größeren Bauteilen oder Serienteilen macht das einen spürbaren Unterschied in der Stückkostenkalkulation.

Hinzu kommt: PEEK-Drucke sind prozessaufwändiger, benötigen mehr Maschinenstunden auf spezialisierter Hardware und haben höhere Ausschussrisiken. Die Gesamtkosten eines PEEK-Bauteils können leicht das Doppelte eines vergleichbaren PPSU-Teils betragen.

In unserer Erfahrung lohnt sich PEEK wirtschaftlich dann, wenn die Anwendung es wirklich erfordert. Wer ein PPSU-taugliches Bauteil aus PEEK drucken lässt, zahlt schlicht zu viel – ohne funktionalen Gegenwert.


Fazit

PEEK und PPSU sind beide leistungsfähige Werkstoffe, die unterschiedliche Stärken haben. PEEK ist die richtige Wahl bei extremen Temperaturen, aggressiven Medien und strukturellen Anforderungen auf höchstem Niveau. PPSU überzeugt bei Zähigkeit, Biokompatibilität, einfacherer Verarbeitung und Kosteneffizienz – besonders in der Medizintechnik und im Prototypenbau.

Die Entscheidung sollte nicht auf Basis von Markennamen oder Materialimage fallen, sondern auf Basis Ihrer konkreten Lastfälle: Temperatur, Medium, Geometrie, Stückzahl, Budget.

Bei PrintYourParts verarbeiten wir beide Materialien auf zertifizierten Hochtemperaturanlagen. Wenn Sie unsicher sind, welches Material für Ihre Anwendung passt, sprechen Sie uns an – eine kurze technische Abstimmung im Vorfeld spart in der Regel mehr als sie kostet.

PEEKPPSUHochleistungskunststoffe3D-Druck MaterialienMaterialvergleichFDM Hochtemperaturindustrieller 3D-Druck

Ihr Projekt mit PrintYourParts umsetzen

Nutzen Sie unser Wissen direkt für Ihr Bauteil – laden Sie Ihre CAD-Daten hoch oder fragen Sie unverbindlich an.

Cookie-Einstellungen

Wir nutzen Cookies gemäß § 25 TTDSG und DSGVO. Technisch notwendige Cookies sind immer aktiv. Funktionale Cookies (z. B. Konfigurator) und Analyse-Cookies benötigen Ihre Einwilligung. Datenschutzerklärung